Zeitplan des AI Act: alle Fristen von 2024 bis 2027

Die wichtigsten Daten des AI Act: Verbotene Praktiken (Februar 2025), Schulungspflicht (August 2025), Hochrisiko-Systeme (August 2026), vollständige Anwendung (August 2027).

Schrittweise Konformität, kein Big Bang

Der AI Act gilt nicht auf einen Schlag. Der europäische Gesetzgeber hat die Pflichten bewusst über drei Jahre gestaffelt, um Organisationen Zeit zur Anpassung zu geben. Doch diese Schrittfolge ist zweischneidig: Jede verstrichene Frist wird zu einem unmittelbaren Risiko der Nicht-Konformität.

Diesen Zeitplan zu verstehen ist unverzichtbar, um Maßnahmen zu planen, Budgets zuzuweisen und die richtigen Teams zum richtigen Zeitpunkt zu mobilisieren.

Jede Phase im Detail

Phase 1 — 1. August 2024: Inkrafttreten

Die Verordnung (EU) 2024/1689 wird im Amtsblatt veröffentlicht und tritt in Kraft. Zu diesem Zeitpunkt gelten noch keine konkreten Pflichten für Unternehmen. Dies ist die Schonfrist — die Phase, in der gut vorbereitete Organisationen einen Vorsprung gewinnen.

Was Sie tun sollten: Mit der Inventarisierung Ihrer KI-Systeme beginnen und einen Verantwortlichen für die AI-Act-Konformität benennen.

Phase 2 — 2. Februar 2025: Verbotene Praktiken

Dies ist die erste verbindliche Frist. Vier Kategorien von KI-Systemen sind nun verboten:

  • Social Scoring: Jedes System, das Personen auf Basis ihres Sozialverhaltens einstuft
  • Unterschwellige Manipulation: Techniken, die Entscheidungen beeinflussen, ohne dass die Person es bemerkt
  • Ausnutzung von Schwachstellen: Systeme, die Personen in einer Schwächeposition ansprechen (Alter, Behinderung, wirtschaftliche Lage)
  • Emotionserkennung am Arbeitsplatz und in Schulen: außer in streng eingegrenzten medizinischen oder sicherheitsrelevanten Fällen

Artikel 5Règlement (UE) 2024/1689

Folgende Praktiken im Bereich der künstlichen Intelligenz sind verboten: […] das Inverkehrbringen, die Inbetriebnahme oder die Verwendung eines KI-Systems, das etwaige Schwachstellen einer Person aufgrund ihres Alters, einer Behinderung oder ihrer sozialen oder wirtschaftlichen Lage ausnutzt.

Was Sie tun sollten: Alle bestehenden KI-Tools auditieren, um sicherzustellen, dass keines in diese Kategorien fällt. Besonderes Augenmerk auf Recruiting-Tools, Kunden-Scoring (z. B. Schufa-ähnliche Systeme) und Überwachungstools legen. Beachten Sie dabei auch die Anforderungen der DSGVO, die parallel gelten.

Phase 3 — 2. August 2025: Governance und Schulungspflicht

Dies ist die am meisten unterschätzte Frist — und die dringendste für die Mehrheit der Unternehmen.

Kritische Frist — August 2025

Artikel 4 verpflichtet jede Organisation, die ein KI-System einsetzt oder nutzt, ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz für alle betroffenen Mitarbeitenden sicherzustellen. Diese Pflicht gilt ab dem 2. August 2025. Es gibt keine Größenbefreiung: KMU sind ebenso betroffen wie Großkonzerne.

Artikel 4 verlangt eine Schulung, die der Rolle und Exposition jeder Person angemessen ist. Es geht nicht um ein generisches E-Learning: Organisationen müssen nachweisen können, dass die erworbenen Kompetenzen zum Nutzungskontext passen.

Parallel dazu umfasst diese Phase:

  • Die Einrichtung nationaler Aufsichtsbehörden in jedem Mitgliedstaat — in Deutschland wird diese Aufgabe voraussichtlich zwischen der BfDI, der BaFin und weiteren Sektoraufsichtsbehörden aufgeteilt
  • Die Veröffentlichung von Verhaltenskodizes für allgemeine KI (Basismodelle wie GPT, Gemini, Claude)
📄AI Act Artikel 4: die KI-Schulungspflicht erklärt

Was Sie tun sollten:

  • Ein KI-Kompetenzprogramm einführen, das alle exponierten Mitarbeitenden abdeckt
  • Die absolvierten Schulungen und erreichten Niveaus dokumentieren (auditfähige Nachweise)
  • Eine KI-Governance mit klaren Rollen und Verantwortlichkeiten einrichten

Phase 4 — 2. August 2026: Hochrisiko-Systeme

Die strengsten Pflichten der Verordnung treten in Kraft. Jedes als „Hochrisiko” eingestufte KI-System (Anhang III) muss einen strengen Konformitätsrahmen einhalten:

  • Dokumentierte Konformitätsbewertung
  • Risikomanagementsystem
  • Governance der Trainingsdaten
  • Vollständige technische Dokumentation
  • In den Systembetrieb integrierte menschliche Aufsicht
  • Transparenzpflichten gegenüber Nutzern

Die am stärksten betroffenen Sektoren: Personalwesen und Recruiting, Kredit und Versicherung, Gesundheit, Bildung, Justiz, Migration, kritische Infrastruktur. In Deutschland betrifft dies u. a. das Schufa-Scoring, KI-Systeme der Deutschen Bank und BaFin-regulierter Institute, KI-gestützte Entscheidungen bei der Bundesagentur für Arbeit sowie KI-Anwendungen bei Krankenkassen wie der AOK und der Techniker Krankenkasse.

📄KI-Governance im Unternehmen: 5 Schritte zur Strukturierung

Was Sie tun sollten:

  • Die Klassifizierung aller KI-Systeme nach Risikoniveau abschließen
  • Für jedes Hochrisiko-System das erforderliche technische Dossier zusammenstellen
  • Mechanismen der menschlichen Aufsicht in Ihre Prozesse integrieren

Phase 5 — 2. August 2027: Vollständige Anwendung

Alle Bestimmungen der Verordnung werden anwendbar, auch für KI-Systeme, die bereits vor dem Inkrafttreten auf dem Markt waren. Die Sanktionen sind voll durchsetzbar:

  • Bis zu 35 Millionen Euro oder 7 % des weltweiten Umsatzes für verbotene Praktiken
  • Bis zu 15 Millionen Euro oder 3 % des Umsatzes für sonstige Verstöße
  • Bis zu 7,5 Millionen Euro oder 1,5 % des Umsatzes für ungenaue Erklärungen
📄KI-Regulierung in Europa: der vollständige Leitfaden 2026

Wo jetzt anfangen

Wenn Sie dies 2026 lesen, ist die Frist des Artikels 4 bereits abgelaufen. Die absolute Priorität ist, nachweisen zu können, dass Ihre Organisation konkrete Maßnahmen zur Schulung ihrer Teams ergriffen hat.

Hier die empfohlene Prioritätenfolge:

  1. Sofort — Abwesenheit verbotener Praktiken verifizieren (bereits in Kraft)
  2. Sofort — Ein dokumentiertes KI-Schulungsprogramm einrichten (Artikel 4, in Kraft seit August 2025)
  3. Innerhalb von 6 Monaten — KI-Systeme klassifizieren und Hochrisiko-Konformität vorbereiten (August 2026)
  4. Innerhalb von 18 Monaten — Vollständige Konformität abschließen (August 2027)

Der Zeitplan ist eng, aber der schrittweise Ansatz des Gesetzgebers ist ein Vorteil für Organisationen, die jetzt beginnen. Wer auf die letzte Frist wartet, riskiert eine Konformitätsmauer, die in wenigen Monaten nicht zu überwinden ist.

📄KI-Schulung für Unternehmen: der strategische Leitfaden 2026